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Dossiers
Optimiert Studiert
Zur Normierungsfunktion von Studiengebühren
Die Einführung von Studiengebühren ist Ausdruck der Auffassung, Bildung sei kein Rechtsanspruch, sondern eine Ware, für die selbstverständlich bezahlt werden muss. Die StudentInnen werden zu KundInnen degradiert, im Hinblick auf die Markteffizienz erfolgt der Abbau demokratischer Mitbestimmungsmöglichkeiten zu Gunsten von managementartigen Leitungsstrukturen. Studiengebühren sind als Bestandteil neoliberaler Politik zu sehen, deren Ziel es ist, gesellschaftliche Aufgaben zu privatisieren -und neben Bildung und Ausbildung auch die Risiken von Beschäftigung, Gesundheit und Altersvorsorge auf die Einzelnen abzuwälzen. Das Studium wird als Investition in das eigene Humankapital begriffen, die sich für den studierten Arbeitskraftunternehmer eines Tages rentieren kann. Daraus ergibt sich auch eine Wettbewerbssituation der StudentInnen untereinander, die in Konkurrenz um die Ware Bildung und die daraus resultierenden Zukunftsperspektiven treten.
Die Erfindung des Langzeitstudiums
Um der Einführung von Studiengebühren die entsprechende gesellschaftliche Akzeptanz zu verschaffen, wird das Konstrukt der sogenannten LangzeitstudentInnen bemüht. Analog zur “Faulenzerdebatte” hat das Bild von LangzeitstudentInnen, die sich auf Kosten der SteuerzahlerInnen ein faules Leben an der Hochschule leisten und dabei noch den “fleißigen” StudentInnen den Platz wegnehmen, weitgehende Verbreitung gefunden. Das dies mit der Realität nichts gemein hat und auf methodisch zweifelhaften Berechnungen basiert, ist dabei nicht von Interesse. Die Schlussfolgerung, dem vermeintlichen Raubbau an der Gemeinschaft durch Langzeitgebühren einen Riegel vorzuschieben, liegt auf der Hand. Die unter StudienanfängerInnen noch recht hohe Zustimmung zu Langzeitstudiengebühren relativiert sich nach einigen Semestern, wenn sie erkennen müssen, wie schnell man selbst unbeabsichtigt die vorgesehenen Studienzeiten überschreitet und das sie persönlich von diesen Gebühren betroffen sein könnten. Komplett ausgeblendet werden in der Debatte die Gründe für ein längeres Studium, wie etwa Lohnarbeit zur Sicherung des Lebensunterhalts oder die mangelhafte Ausstattung der Hochschulen, die ein Studium innerhalb der Regelstudienzeit häufig a priori unmöglich machen. Studiengebühren sind in keinster Weise geeignet, diese u.a. aus jahrelanger bewusster Unterfinanzierung resultierenden Probleme der Hochschulen zu lösen.
Wettbewerb unter den StudentInnen
Die vom Wettbewerbsgedanken implizierte Entsolidarisierung ist in Teilen der StudentInnenschaft bereits vollzogen. Wer -was nicht unüblich ist – alle dreißig Exemplare eines Buches ausleiht, um sich gegenüber den KomilitonInnen das Informationsmonopol zu sichern, der oder die beweist lediglich, die Marktgesetze verstanden zu haben und kann wohl als Musterbeispiel für den Wettbewerb unter den StudentInnen gelten.
Lenkungswirkungen
Studiengebühren jeder Art, egal ob in Form von Studienkonten oder sogenannten Langzeitgebühren, weisen eine Lenkungswirkung auf, die zu einer Ausrichtung des Studiums an der unmittelbaren Verwertbarkeit des Erlernten auf dem Arbeitsmarkt führen. Nur so kann sich die eingangs erwähnte Investition in das eigene Humankapital, als die ein gebührenpflichtiges Studium verstanden wird, rentieren. Durch Stipendien können beispielsweise auch Firmen in ihre künftigen Angestellten investieren und sich darüber ihren Einfluß auf Studienfachwahl u.ä. sichern. Der normierende Charakter von Studiengebühren ist offensichtlich. Sie dienen der Disziplinierung der StudentInnen, die zu einer Selbstoptimierung im Sinne der Anforderungen des Arbeitsmarktes gezwungen werden. Alternative Lebensentwürfe werden unmittelbar sanktioniert. Damit leisten Studiengebühren einen entscheidenden Beitrag zur repressiven Normierung von Biografien. Jede Verlängerung der Studienzeit treibt die finanzielle Belastung der StudentInnen in die Höhe. Der Blick über den Tellerrand des eigenen Faches wird zum Luxus, von einem selbstbestimmten Studium kann keine Rede mehr sein. Die StudentInnen werden zu FachidiotInnen erzogen, ein kritisches Hinterfragen der Studieninhalte oder die Beschäftigung mit unkonventionellen Themen werden für die meisten im Wortsinne unbezahlbar. Durch die Einschränkung der eigenen Entscheidungsspielräume tritt an Stelle einer kritischen Aneignung von Wissenschaft die rationierte Zuteilung eines begrenzten, scheinbar neutralen Lernstoffes. Die Entpolitisierung des Wissenschaftsbetriebes wird damit weiter vorangetrieben. Letztlich wird ein Wissenschaftsbegriff etabliert, der kurzsichtig die unmittelbare wirtschaftliche Verwertbarkeit zum einzigen Erfolgsmaßstab von Forschung und Lehre erklärt. Solch eine rein ökonomistische Perspektive bringt Forschungsergebnisse hervor, die allenfalls als kurzfristiges Flickwerk taugen, aber nicht zur langfristigen Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen.
